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Und plötzlich biste Bärenfanger

So, heute ist der 11.11. und 11.11 Uhr ist gerade rum. Das war’s damals, also zu meiner Zeit im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Unna, mit der Narretei. Ein kurzer Blick

Scheiße braucht 100, Teil 19 (und Ende)

Nun also auch noch ein Brand, ach komm, egal. Die Versicherung, die wir kurz vorher gekündigt hatten, deren Vertrag aber noch nicht ausgelaufen war, nannte uns eine Fachfirma für Brandsanierung.

Scheiße braucht 100, Teil 18

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Mein Auto stand im Parkhaus, etwa 2 Minuten von meinem Büro entfernt. Es ist schwer, zügig lässig zu gehen. Ich wollte nicht rennen, das sieht so uncool aus. Mein Mischmasch

Scheiße braucht 100, Teil 17

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Das Wasser hatten wir überstanden, den Sturm auch. Dass uns fast die Erde verschluckt hätte …- kalt lächelnd drüber weggeschaut. Viel mehr Naturgewalten gab es ja wohl nicht, mit denen

Scheiße braucht 100, Teil 16

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Von unserem Haus habe ich ja bereits in 15 Beiträgen erzählt. Ähnlich wie ein fieser Schimmelpilz auf einer Toastbrotscheibe, fraß sich das Chaos vom Haus aus bis in den Garten

Und plötzlich biste Bärenfanger

Umzug Schlo?berg. Lars Reckermann als Pulverteufel der B?renfanger Unterkochen.So, heute ist der 11.11. und 11.11 Uhr ist gerade rum. Das war’s damals, also zu meiner Zeit im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Unna, mit der Narretei. Ein kurzer Blick auf die Uhr, ein leises, mehr an Infraschall erinnerndes “Helau” und beim Bäcker die bunten Berliner angeschaut. Weiberfastnacht ging Helmut Scherer als Ein-Mann-Umzug durch die Innenstadt in Unna. Es gab Sekt aus ‘nem Reagenzglas beim Apotheker, einen Ein-Mann-Sturm aufs Rathaus und weit vor Aschermittwoch, war sowieso alles vorbei.

Seit ich auf der Ostalb lebe, ist das anders. Wie? Das glaubt Ihr nicht. Ich habe es schrifltich von den Bärenfanger in Unterkochen, von meinem Narren-Tages-Chef Martin. Und ich habe ein Video dazu. Aber erst einmal zum Zeugnis:

Text: Martin Bolsinger:

Rosenmontag, 9 Uhr in Unterkochen,

die ersten Bärenfanger kommen angekrochen.

Da standen zwei Männer, sie sprachen nicht viel,

und beide waren auch noch in zivil!

„He sag mal, wo kommst du denn her?“

„Reckermann, bin bei der SchwäPo Redakteur.“

„Und wer ist der Mann da nebenan?“

„Tobias, unser Fotomann.“

„Wir fahren heute bei euch mit,

und schreiben Berichte, das wird ein Hit.“

„In Straßenklamotten kannst Du bei uns nicht laufen,

du brauchst ein Häs und wir müssen dich taufen.“

Lars Reckermann war sehr nervös,

im Handumdrehn steckt er im Häs.

Nach der Taufe und seinem ersten Bärenfanger Narrenschrei

war er schon einer von uns und gleich voll dabei.

Die Uhr, die lief, es war schon halb zehn,

der Zeitplan drückt, wir mussten gehen.

Behindertenwerkstätten und Pflegeheime am Vormittag,

unseren jährlichen Besuch ein jeder dort mag.

Zur Begrüßung drei kräftige Bärenfanger hoi, hoi, hoi,

wo steckt denn der Lars ? Ist an der Spitze dabei.

Auch die Verpflegung ist uns Narren nicht schnuppe,

zum Mittag gibt es von Gabi leckere Nudelsuppe.

Seit Jahren karrt sie pünktlich an,

´nen Suppentopf für 40 Mann.

Gut gestärkt ging´s los, es gab kein Verharren,

in Schloßberg warten zum Umzug die Narren.

Lars, noch lange kein alter Hase, drückte ihn plötzlich seine Blase.
Ein Häs ohne Eingriff und 5 lange Unterhosen im Weg,

„kann mir jemand sagen, wie das bei Narren geht?“

Mutig klingelt er bei einer Hausfrau, es war eine Nette,

und durfte benutzen ihre private Toilette.

Der Umzug ging los, Lars konnt´ nichts mehr sagen,

schon sah man ihn eine Maske tragen.

Als stolzer Pulverteufel kam er nun daher,

nichts sah man mehr vom Chef-Redakteur.

Die Euphorie hatte ihn dann schnell übermannt,

hat beim Umzug auch nur zwei Kinder umgerannt.

Ich glaub´ Lars machte der Gaudiwurm mächtig Spaß,

vom Schweiß war er danach vollkommen nass.

Am Rosenmontag gibt’s bei uns keine Pause,

schnapp deinen Fotografen und weiter geht die Sause.

Im Bus zurück nach Unterkochen,

postet Tobias in Facebook, was Lars schon verbrochen.

Feierabend ? Blödsinn, nach eineinhalb Stunden nur

Ziehen wir los zur RoMo-Tour.

Mit 60 Cowboys und Indianern zog Reckermann mit,

der Mann ist nicht tot zu kriegen, der Kerl ist der Hit.

Erst gegen Mitternacht ist er etwas lädiert,

mit seinem Pferdchen er nach Haus galoppiert.

Das große Fazit kommt zum Schluss,

wobei ich vor Lars den Hut ziehen muss.

Als Mann, der mit Fasching sonst nichts hat am Hut,

für einen Chef-Redakteur machte er seine Sache echt gut.

Die kleinen Versprecher fallen nicht schwer ins Gewicht,

auf ihn wartet keine Verhandlung vorm Narrengericht.

Ich fand die Aktion klasse, da will ich nicht scherzen,

Lars ist einer von uns, ganz tief im Herzen.

Wollt ihr noch mehr wissen, es war wirklich schee,

dann schaut doch unter

www.fanfarenzug.baerenfanger.de

 

Und wer Lust auf 8 Minuten Frohsinn hat: Bitte sehr:

Scheiße braucht 100, Teil 19 (und Ende)

Nun also auch noch ein Brand, ach komm, egal.

Die Versicherung, die wir kurz vorher gekündigt hatten, deren Vertrag aber noch nicht ausgelaufen war, nannte uns eine Fachfirma für Brandsanierung. Wir mussten alles im Keller wegwerfen und taten dies, wann immer die Brandsanierer und der Versicherungsmensch in unserer Nähe waren, mit einem lautem Seufzen. Wir waren wirklich dem Irrglauben erlegen, dass die Lautstärke unseres Jammerns Einfluss auf die Höhe des Versicherungsbetrages hätte.

Ich kaufte drei Einweg-Ganzkörper-Stoffanzüge, drei Plastikbrillen und ein Dutzend billige Atemmasken. Leerräumen wollten wir unseren Keller alleine, aufräumen passte wohl besser. Ich orderte einen zehn Kubikmeter großen Container. Alles, aber auch wirklich alles schmissen wir weg. Was sich da für ein Müll angesammelt hatte …

Zum ersten Mal seit wir unseren Umbau gestartet hatten, verspürte ich so etwas wie Glück. Da gab es dieses schreckliche Bild mit dem bemalten Bilderrahmen, dass wir irgendwann geschenkt bekamen, nie aufgehängt hatten und dessen Verschenker wir immer mit dem Satz beruhigt hatten: “Sobald alles umgebaut ist, bekommt dieses Bild einen Ehrenplatz in der Wohnung.” Es landete als erstes auf dem Müll. Vermutlich hat es 100 Euro gekostet, wir gaben es mit 30 Euro an. Was soll denn die Versicherung von uns denken…?

So trennten wir uns elegant von all dem schrecklichen Zeug. Meine Frau und ich können heute noch auf Kommando traurig gucken, wenn uns jemand nach seinem Ekel-Präsent fragt. „Na, habt Ihr Freude an unserem Geschenk?“

“Nein, keine Chance, alles beim Feuer verbrannt”, sagen wir dann schluchzend.

Zum Glück ist noch niemand auf die Idee gekommen, uns zum Trost so ein Schaggelteil neu zu kaufen – oder gar in einer größeren Version.

Schwieriger wurde es für uns, den alten Rollstuhl aus der linken Kellerecke zu bewerten, der seit Jahren niemanden mehr irgendwohin rollte.

Schuhe, Lebensmittel, Wein…, alles wanderten in den Container und bei jedem Posten googelte ich den Preis, den das Produkt gekostet hätte.

Ich muss ja ehrlich zugeben: Das war so, als hätte man acht Tapeziertische voller Klüngel auf dem Flohmarkt aufgebaut und ein Käufer tritt an einen heran und sagt: “Ich nehm’ den ganzen Scheiß!”

Nur leider hatten wir nichts wirklich Wertvolles… also materialistisch gesehen. Ich meine jetzt nicht Liebe und so, die ist natürlich wertvoll – ich schweife aber wieder ab …

Meine Oma hatte eine Rubenskopie im Keller (Der Mann mit dem Goldhelm, vermutlich zehn Euro wert) und meine Eltern Pelze. Ausgerechnet die Pelze konnte man reinigen. Das war schon deprimierend. Wer trägt den heute noch Pelze?

Dafür musste jede Konserve weggeworfen werden, und sogar die Gefriertruhe mussten wir leer machen. Aber bis auf Bonduelle Erbsen, Möhren und Bussi-Wassereis hatten wir nichts für den feinen Gaumen. Und bescheißen, das muss man mir jetzt glauben, trauten wir uns nicht. Also Hummer oder Kobe-Rind hatten wir leider nicht tiefgefroren.

Moment mal, ich habe doch beschissen. Wir haben zu dritt sieben Stunden im Keller gewirbelt, um ihn leer zu räumen. Wir haben bestimmt drei Stunden verquatscht. Ich habe trotzdem sieben Arbeitsstunden aufgeschrieben…

Metall, wie die angebrannte Rippenheizung, wurde aus dem Container heraus vom Altmetall-Sammler mitgenommen. Der blieb gleich am Container stehen und wollte uns schon die angesengte Waschmaschine und den verbrannten Trockner aus dem Keller ziehen. Ungelogen, der war richtig hinter dem Zeug her. Als der seinen Wagen mit meinem Schrott voll hatte und jammerte, er könne davon ja nicht einmal seine Familie ernähren, platzte mir irgendwann der Kragen. Ich wusste ja auch was Metall damals wert war. Ich verlangte fünf Euro für das Zeug, schob meine Kinder an seinen Lastwagen zeigte auf meine Töchter und sagte “Damit die sich wenigstens ein Eis kaufen können.” Der Mann sah, dass ich es ernst meinte und hatte Probleme aus seinem Bündel 100-Euro-Scheine (!) eine kleinere Note herauszuziehen. Egal, die Kinder bekamen ihre fünf Euro.

Der Keller ist jetzt pickobello, jede Wand neu gestrichen, alles top. Wir waren so froh, wir luden unsere Kinder zum Schwimmen nach Werl ein. Kurz vor der Abfahrt stellten wir fest, das Wegwerfen oft auch bedeutet neu kaufen zu müssen. Wir hatten keine Schwimmsachen mehr, weil die in der Sporttasche im Keller lagen. Wir hatten demzufolge auch keine Sporttasche mehr, keine Badelatschen, keine Schwimmflügel für die Kleinen…

Vom Schadensersatz blieb nicht viel übrig.

Fazit: Würde ich noch einmal sanieren und umbauen? Ein altes Haus vermutlich nicht. Bereue ich, kein Handwerk gelernt zu haben? Unbedingt. Hat es wenigstens etwas Spaß gemacht? Keine Minute. Haben wir uns anschließend in unserem Haus wohlgefühlt? Und wie!

Scheiße braucht 100, Teil 18

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Mein Auto stand im Parkhaus, etwa 2 Minuten von meinem Büro entfernt. Es ist schwer, zügig lässig zu gehen. Ich wollte nicht rennen, das sieht so uncool aus. Mein Mischmasch aus einzelnen schnellen Schritten und den komischen Bewegungen, die eigentlich nur Geher bei den olympischen Spielen machen, ließ mich indessen alles andere als lässig aussehen. Als ich Auto am ankam, schmerzten die Beine, vor allem die Waden – wie Sau.

Ruhig Lars. Würde die Bude komplett abfackeln, Aki, meine Frau, hätte mich längst auf dem Handy angerufen.

Irgendetwas war mit meinem Wagen nicht in Ordnung. Erst sprang er nicht an, dann soff er vier Mal hintereinander beim Anfahren ab – komisch. Außerdem hatte irgend so ein Spinner die Gänge vertauscht. War der erste Gang schon immer oben links und wieso sprotzt der Motor, wenn ich im vierten Gang anfahre?

Ich rief meiner Frau an, diesmal natürlich auf dem Handy. “Komm schnell”, brüllte sie nur und legte wieder auf. Ruhig Schatz, dachte ich so bei mir. Vermutlich reichte eine kleine Feuerpatsche, um das Streichholz zu löschen, das im Haus glimmte.

Ich rief noch einmal auf dem Handy an, um meiner Frau zu sagen, dass ich auf dem Weg bin. “Mensch komm”, brüllte meine Frau. Die Arme. Sie war völlig mit der Situation überfordert. Wieso säuft denn immer der Wagen ab? So ein Pech, dass das gerade jetzt passiert.

Noch einmal kurz durchschellen. Der Klang meiner Stimme hat meine Frau schon immer beruhigt. “Sag mal spinnst Du?”, brüllte sie. Ups, da wäre ich fast auf ein Auto aufgefahren. Na also, der Motor schnurrt wieder wie eine Dingsda, na, wie heißt das Viech…? Ich frag mal meine Frau. Am Telefon nur Schluchzen. Die Arme. Allein zwischen all dem Tatütata.

Ich war so cool drauf, dass ich den Weg nach Hause vergessen hatte. Egal, der kleine Umweg… Ich sag’ kurz bei Aki bescheid, dass ich etwas später komme. Niemand geht ran. Vermutlich war der Akku leer.

Dieser verdammte Wagen kann einfach nicht mehr anfahren. Was ist denn mit der Kupplung los…?

Und jetzt auch noch ein Stau in unserer Straße. Na ja, zumindest auf die Polizei ist Verlass. Wieso riegelt die denn den ganzen Block ab? “Tschuldigung, Officer”.

“Ich bin Polizist.”

“Ja, klar, was denn auch sonst? Was ist denn hier los, ich muss dringend nach Hause?”

“Das geht jetzt nicht, die Feuerwehr hat am Ende der Straße einen Einsatz.”

“Oh Mann, sie haben heute viel zu tun, bei mir brennt es auch…” Ja, jetzt fiel es auch mir auf. Ich würgte ein letztes Mal den Wagen ab und rannte zu meinem Haus. Meine Frau fiel mir weinend in die Arme, die Arme. Ich beruhigte sie. Schau mal, sagte ich, sie haben die Türen ausgehängt und nicht eingeschlagen. Schau mal, sie nehmen jetzt eine Kübelspritze und nicht mehr den großen Schlauch. Schau mal, der dunkle Ruß macht sich doch ganz gut auf unserer gelben Haustür.

Brand_Breslauer_01Etwa zehn Minuten nach meiner Ankunft trugen die Einsatzkräfte einen qualmenden Wäschekorb nach draußen. Erst jetzt blickte ich die Straße entlang. Mehr Feuerwehrleute kann die Gemeinde Holzwickede nicht haben – mehr Schaulustige auch nicht. Die Straße war gerammelt voll. Die Nachbarn gaben gut hörbar Kommentare ab, die uns wissen ließen, man dürfe niemals das Haus verlassen, wenn Elektrogeräte noch an sind. Die Versicherung bezahle garantiert nicht. Die armen Kinder, was wird wohl nur aus denen…? Einige Nachbarn sprachen offen vom Unglückshaus, dass die gesamten Grundstückspreise im Block ins Bodenlose ziehe, weil niemand neben so einer Ruine wohnen wolle. Ich glaubte auch den Satz gehört zu haben: “Lasst uns selbst aktiv werden.”

Für die Feuerwehr war der Einsatz Peanuts. Kaum etwas passiert. Die Wohnung war weiterhin bewohnbar, der Keller war ‘ne Sauerei. Da haben wir mehr als ein Jahr lang gebraucht, um das Gemäuer von außen trocken zu legen und nur einige Wochen später, ergießen sich etliche Liter aus einem C-Rohr von innen ins Haus. Wenn die Sache etwas Gutes hatte, dann nur das, dass dank der Wasserkraft ein Teil der hässlichen rosafarbenen Fliesen in unserer Waschküche von der Wand gefegt wurden.

Meine Frau holte wieder ihren Bauchladen heraus, wir verkauften erste angekokelte Wäschestücke als Andenken an das Unglückshaus.

Ich fühlte mich miserabel. Schlimmer war nur einen Tag später das Gespräch mit unserem Versicherungsexperten, dem wir eine Woche zuvor (!) schriftlich mitgeteilt hatten, dass wir zum Quartalsende die Hausrats-Police bei einer anderen Versicherung abschließen wollen (KEIN WITZ). Konnte man noch tiefer sinken…?

Ich verrate es Ihnen ja. Dazu mehr im 19.Teil des Blogs “Scheiße braucht 100.

Scheiße braucht 100, Teil 17

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Das Wasser hatten wir überstanden, den Sturm auch. Dass uns fast die Erde verschluckt hätte …- kalt lächelnd drüber weggeschaut. Viel mehr Naturgewalten gab es ja wohl nicht, mit denen wir uns hätten messen können.

Wir genossen diesen Wimpernschlag der Ruhe, den uns das Psycho-Haus gönnte. Der Keller war inzwischen dank des Ausschachtens nebst zeitgleichem Trockenlegen und Trockenpusten ohne jedwede Feuchtigkeit.

Zum ersten Mal nach unserem Umbau, zum ersten Mal nach zwei Jahren, fingen wir an, unser Leben wieder zu genießen. Wir wuschen uns wieder – morgens zumindest. Die Nachbarn gaben uns die Hand und zeigten nicht mehr mit den Fingern auf uns. Windige Busunternehmer, die Heerscharen von Touristen an unserem Horror-Haus vorbeischleusten, um den Menschen zu zeigen, wie erbärmlich noch im 21. Jahrhundert gehaust werden kann, verdienten kaum noch einen Euro mit uns.

Irgendwann im Mai des Jahres 2008 schrieen meine Familie und ich uns explosionsartig den Druck von der Seele, brüllten gemeinsam in Bob-der-Baumeister-Manier “Wir schaffen das” und katapultierten uns so zurück in die Zivilisation.

Wir waren abgehärtet. Was sollte uns noch erschüttern? Ich hatte es eingangs erwähnt. Wasser, Sturm, Erdbeben, ja sogar ein Stromschlag – vermutlich waren wir inzwischen unsterblich. Wir hatten das Haus besiegt – nur seinen Komplizen, den Trockner hatten wir unterschätzt.

Es war der 27. Mai 2008. Ich saß im Büro, als unsere Redaktionsassistentin Petra aufgeregt zu mir kam. “Ruf mal zu Hause an, es brennt.”

Ja klar, vermutlich die Kinder. Wahrscheinlich hatte meine Jüngste versucht, die Bratwürstchen unaufgetaut zu verschlingen und meine Große sich beim Tanzen beide Beine gebrochen. Peanuts, dachte ich so bei mir und schmunzelte. Was wäre ich früher ausgerastet. Ich hätte Atemnot bekommen, dann schwitzige Hände, dann wäre mir schwindelig geworden und anschließend hätte ich mich übergeben. Aber jetzt. Ich jonglierte den Hörer in meiner Hand wie Tom Cruise seine Mixbecher in dem Film Cocktail. Ich stand beim Telefonieren lässig auf, wie es diese Investmentbanker an der Börse immer machen. Ich hatte mir eine Laufzone vor meinem Schreibtisch ausgeguckt, die ich während des Gesprächs ablaufen konnte, denn auch das machen diese Börsenheinis. Ich diktierte mir selbst eine Gesprächsnotiz in mein Hirn: „Morgen unbedingt Hosenträger kaufen.“

Ich rief zu Hause an. Ich erwischte mich dabei, wie ich meinem Spiegelbild in der Bürofensterscheibe ein Auge zukniff. Ja…, du bist cool Lars.

Inzwischen hatte ich 67 Mal durchschellen lassen und niemand ging ans Telefon. Ich bemerkte erst jetzt, dass mein Handy zeitgleich auf dem Schreibtisch vibrierte, während ich vom Festnetz aus anrief. “Nein”, sagte ich zu mir und meinem Spiegelbild, “erst kommt die Familie”. Doch der Handy-Stalker erwies sich als hartnäckig. Mal schauen, wer im Display steht. “AKI”. Mein Spiegelbild schaute zuerst ziemlich blöd drein, ich aber vermutlich kurze Zeit später auch. Ich legte auf und ging ans Handy.

“Reckermann”, sagte ich vorsichtig und in vollem Bewusstsein, dass meine Frau wohl sehr genau wusste, wer abheben würde. Stille, nur im Hintergrund vernahm ich Gemurmel. Ich bekam Atemnot.

“Das schaffst nur du, das schaffst wirklich nur du.” Meine Frau zischte diese Wörter. “Ich habe doch gesagt, es brennt und mein depperter Mann ruft mich auf dem Festnetz an. ‘Tschuldigung, dass ich nicht ins brennende Haus laufe, um dranzugehen.”

Mir rutschte der Hörer aus meiner klatschnassen Hand. Als ich das Handy wieder abgewischt und ans Ohr gehalten hatte, verstand ich meine Frau zwischen all dem Tatü-Tata und Dieselmotorengeräusch nur noch eingeschränkt.

“Sorry Schatz, die Verbindung ist ganz schlecht…, ich kann dich kaum verstehen.” Für den nächsten Satz meiner Frau benötigte ich keine technischen Kommunikationsmittel, es reichte das gebrüllte Wort einer Frau, die kurz vorm Abgleiten in den Wahnsinn war. “WIR BRENNEN ab, schieb Deinen Hintern nach Hause.” Mein Handy war längst aus, den Satz hörte ich trotzdem.

Scheiße braucht 100, Teil 16

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Von unserem Haus habe ich ja bereits in 15 Beiträgen erzählt. Ähnlich wie ein fieser Schimmelpilz auf einer Toastbrotscheibe, fraß sich das Chaos vom Haus aus bis in den Garten durch. Na ja, Garten konnte diese Motorcross-Strecke nicht mehr genannt werden. Die monatelange Freundschaft mit diversen Kettenfahrzeugen hatte der einstigen Wiese jegliches Grün ausgetrieben. Der nachfolgende Monsun hatte aus der Lehmlandschaft einen steinharten Boden gemacht. “Da wächst nichts mehr”, frozelte einmal ein Handwerker als er verspielt sein Messer in den Boden werfen wollte, dieses aber, obwohl es mit der Spitze nach vorne auf den Boden fiel, von selbigem abprallte wie ein heiß gespielter Squashball von einer Betonwand.

“Da muss Mutterboden ‘rauf – und nicht zu knapp”, beschied ein Bauarbeiter. Auf meine vorsichtige Nachfrage, ob das Grundstück nicht laut Ausschreibung so wiederhergestellt werden müsste, wie es vor Beginn der Baumaßnahmen war, bekam die versammelte Mannschaft einen Lachanfall. “Was sollen wir denn hier noch reinbuttern. Wir haben so viel Beton ins Erdreich gepumpt, dass der Atlantikwall im Vergleich dazu eine Spielburg ist”, sagte der Chef-Vorarbeiter.

Jetzt mischten auch noch die Nazis mit. Wäre eventuell mal ne Titelgeschichte für den Spiegel oder zumindest eine Dokumentation bei N24 wert.

Ich bestellte also mehrere Lastwagen mit Muttererde und lieh mir für 300 Euro einen Bagger. Auf 600 Quadratmetern Gartenfläche hatte ich schließlich keine Lust mehrere Tonnen Erde mit der Schaufel zu verteilen. Der Bagger kam, verteilte aber keine Erde, sondern half mir beim sichern des Gartens. Da aus unserer Tiefgarage das Schlafzimmer wurde, musste die Erde in diesem Bereich besonders gesichert werden. Sonst würden wir regelmäßig kleine Schlammlawinen produzieren. 20 dicke Pflanzsteine vergruben wir deshalb im Garten. Am Abend war diese Aufgabe zwar geschafft, der Mutterboden lag aber noch unangerührt auf dem Fleck, wo die Lastwagen ihn abgekippt hatten.

Der Boden muss übrigens aus dem Garten einer ehemaligen Glasfabrik gekommen sein. Noch heute ziehen wir regelmäßig Glassplitter aus dem Boden. Obwohl in unserem Garten inzwischen Rasen wächst, dürfen die Kinder nur mit Schuhen draußen spielen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie in einen Splitter treten.

Da unsere Kinder aber auch wochenlang im Haus einen Bauhelm tragen mussten und nur an Sicherungsleinen ähnlich wie in einer Kletterwand unsere Treppen benutzen durften, macht ihnen das gar nichts aus.

Als der Garten fertig war, mussten wir übrigens rund ums Haus den Mutterboden und den angegangenen Rasen wieder auf streifenbreite aufnehmen, weil erneut Wasser in unser Schlafzimmer eindrang. Der Bauleiter meinte, das liege daran, weil der Rasen stellenweise höher war, als die Dämmschicht am Haus und bei starkem Regen deshalb das Wasser hinter die Dämmung läuft. Ich habe also für neuen Mutterboden Geld bezahlt und für deren Teilentsorgung (wohin damit?) auch wieder. Egal! Ich habe meine Frau inzwischen wieder arbeiten geschickt. Und die Kinder waren mit damals vier und sechs Jahren auch für leichtere Hilfsarbeiten in Schurkenstaaten interessant.

Noch einmal kam unser Fliesenleger. Diesmal, um eine Schotterschicht um unser Haus zu legen und mit Pflanzsteinen dafür zu sorgen, dass die Grasnarbe tiefer als die Dämmung liegt. So fließt das Wasser gegen die Dämmung und dann in die Drainage und nicht über die Dämmung in unser Mauerwerk und dann durch unsere Steckdose ins Schlafzimmer.

Eigentlich war der Umbau damit erledigt, wir auch. Wir hatten Wasser, Sturm … fehlt noch etwas? Richtig: Feuer! Das kam auch noch.

Scheiße braucht 100, Teil 15

S

Das Wasser war fort. So also hat sich Kevin Costner in dem Film Waterworld gefühlt, als er zum ersten Mal Land sah.

Nur dieser komische Geruch blieb, aber nur im Schlafzimmer. Es war eine Mischung aus “feuchter Waldboden” und “verwesendes Nagetier”. Ich nahm mir sofort die Ecken unseres Schlafzimmers vor. Schließlich kannte ich mich mit diesem Geruch, der mich unweigerlich an Schimmel erinnerte, aus. Deshalb hatten wir unsere Bude ja überhaupt trocken gelegt. Und jetzt? Er war wieder da, der Geruch des Verfalls, der Geruch alter Mauern, den wir aus unserem Haus für immer verbannen wollten. Ließen diese Attacken des Muffs denn niemals nach?

Ich sah nichts. Ich sah keinen Schimmel in einer Ecke. Ich schob meinen Nachttisch zur Seite, um noch einmal auf Nummer sicher zu gehen. Meine Augen blieben an der Steckdose hängen. Unsere weiße Steckdosen-Verkleidung hatte einen leichten, grün schimmernden Rand. “Was hat denn da der Maler gemacht?”, rief ich zu meiner Frau, wohlwissend, dass der Maler mit diesem Grünkranz nichts zu tun hatte. Aber: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Bei mir dauerte es exakt elf Sekunden. Schimmel! Er war wieder da. Er kam aus den Öffnungen. Ich untersuchte die anderen Steckdosen. Überall der gleiche, grüne Rand.

Zuerst wimmerte ich, dann glitt dieses Wimmern in ein gräßliches Lachen über. Ich war dabei, in den Wahnsinn hinüberzugleiten. Wieder einmal. Ich sah nur noch Schimmel. Er quoll überall heraus.

Meine Rückverwandlung Mr. Schimmel in Dr. Reckermann dauerte etwa eine Stunde. Wieder einmal griff ich zum Telefon. “Er ist da”, sagte ich zu Bauleiter 2.

“Wer?”

“Der Schimmel…”

“Herr, wer…”

“Der Herr Schimmel, unser Großonkel..”

“Ja aber…, was habe ich…”

“Das war ein Scherz. Hören sie, ich kann noch scherzen…”, sagte ich und ertappte mich dabei, wie ich mich selber im Badezimmerspiegel beim hämischen Lachen beobachtete. Oh mein Gott. So fängt es an. Ich werde zu einem Spinner wie der Joker aus den Batman-Filmen – nur ohne Superkräfte und leider auch nicht so skrupellos, sonst hätte ich der ganzen Bagage hier… ach, lassen wir das.

“Ich verstehe nicht”, stellte sich Nummer 2 dumm.

“Schimmel, wie Himmel nur mit S und C davor und nicht so romantisch. SCHIMMEL. Dieses Zeug, das Menschen krank macht, wir haben es in unserem Schlafzimmer…, ja genau, dem N E U E N!! Es kommt aus den Steckdosen, Lichtschaltern, aus den Fugen, es ist überall.”

Na raten Sie doch einmal die Antwort…? Genau! “Nicht so schlimm, alles reparabel.”

Das Wasser aus der Hebeanlage hatte sich unter den Fliesen im gesamten neuen Raum verteilt und zog nun als Schimmelwolke durch das Schlafzimmer. Als wir unseren massiven, großen Kleiderschrank von der Wand abrückten, um dahinter zu schauen, ob sich dort auch schon Schimmel gebildet hatte, alterten meine Frau und ich wimpernschlagschnell um etwa 23 Jahre. Alles voller Schimmel. Als ob der Kleiderschrank in Flammen stünde, zogen wir ihn hastig von der Wand weg. Viel zu hastig, an drei Stellen brachen die Schrauben. Drei Jahre lang (!) stand der Doppelschrank etwa einen halben Meter von der Wand weg.

“Sie wischen den Schimmel mit einem Tuch ab und schütteln das Tuch nur draußen aus”, riet uns Nummer 2. Auf meinen Einwand, ich hätte einmal gelesen, dass so Schimmel hochtoxisch ist und eine heftige Allergie auslösen kann, schüttelte der Ignorant nur den Kopf. “Nein, nein”, sagte er.

Hatte ich erwähnt, dass auch Nummer 2 aus der ehemaligen DDR kam. “Wissen sie was … Nur weil sie im Palast der Republik gegen all den Asbest-Staub ein paar Duftbäumchen aufgehängt haben, bin ich eher ein Freund der Grundsanierung. Und wenn sie mit ihren saublöden Ratschlägen hier nicht als Kollateralschaden in dieses Bautagebuch eingehen wollen, entfernen sie sofort den Schimmel aus meinem Schlafzimmer. Hier ist ja eine Luft wie in Bitterfeld zehn Jahre vor dem Mauerfall …”, wollte ich sagen.

Stattdessen holte ich ein Tuch und rieb den Schimmel vorsichtig von Wand und Schaltern ab. “Und jetzt?”, fragte ich, nachdem ich mein sowieso schon durch den Bau verkürztes Leben um weitere Jahre dank giftiger Schimmelpilzinhalation gekappt hatte.

“Jetzt muss das Zimmer trocken werden. Wir stellen hier einen Luftentfeuchter rein. Den bezahlen wir!” Oha, dachte ich so bei mir. Keine kleinen Preise, kein “nur ein paar Euros”. Dann musste es etwas ernstes sein. “Der Strom für die Maschine kostet nur ein paar Euro.” Na also, geht doch.

Die Maschine saugte sieben Wochen lang die Feuchtigkeit aus dem Raum, aber nicht nur dort. Er saugte auch jedwedes Quentchen Feuchtigkeit aus den Holzmöbeln. Unser Bett knarzt seitdem, als öffne jemand in einem Gruselschloss eine alte Truhe. Dass wir sieben Wochen lang eine Großbaustellenmaschine in der Größe eines Kleinwagens in unserer Besucherritze hatten, muss ich Ihnen ja wohl nicht erklären. Solche Unannehmlichkeiten erklären sich von selbst.

Im Teil 16 geht es in den Garten, der muss ja auch noch gemacht werden – und wieder unordentlich gemacht werden. Dazu aber später mehr.

Scheiße braucht 100, Teil 14

Luft dranlassen ...

Außen pfui, innen hui. In unserem umgebauten Haus hielt man es jetzt aus. Der Garten war aber weiterhin eine Mischung aus Cannae und Austerlitz. Googlen Sie doch einfach nach den Orten, dann verstehen sie was ich meine. Nur dass bei uns nicht Hannibal oder Napoleon die Freiluft-Oase als Schlachtfelder missbrauchten, sondern die Bagger unserer Baufirma.

Okay, auf diese Garten-Armageddon mussten wir uns einstellen. Wir hatten ja schließlich ein Haus ausgeschachtet. Wir dachten aber, zumindest etwas Grün würde sich im Garten halten.

Draußen war uns jetzt aber egal, Innen zählte. Ein paar Fliesen waren noch locker, in einer Ecke der aufgesetzten Rigipswand klafft noch heute ein Loch, um “das dahinterliegende Mauerwerk richtig trocknen zu lassen”. Aber …, egal. Das konnte nach dem Chaos doch wirklich nur noch Kosmetik sein. Und mal ehrlich: Wenn man wie wir durch die Sanierungshölle gegangen ist, lacht man nur noch über eine fehlende Fliesenfugen. Peanuts!

Auch der Regen machte uns nichts aus. Das Haus war abgedichtet, da konnte es schütten wie im ersten Buch Moses – uns doch wurscht.

Wir machten es uns gemütlich in unserem neuen Schlafzimmer. Ich kuschelte mich in mein Bett, griff mir ein spannendes Buch und rümpfte kurz die Nase. Moment mal! Wieso Nase rümpfen? Ich hatte doch gerade geduscht. Die Betten waren frisch bezogen. Der Geruch war hartnäckig. Ich sorgte mich, dass Klo könnte kaputt sein, dort war aber alles in Ordnung. Ich schlief über das Problem ein.

Am nächsten Morgen fuhr ich ins Büro. Nachmittags rief mich meine Frau an. Irgendwo sei eine Sicherung rausgeknallt. Der Strom im Schlafzimmer sei weg – auch im unteren Bad funktioniere nichts mehr. Ich riet ihr, die Sicherung wieder reinzudrücken. “Vermutlich verkraftet unsere neue Energieversorgung nicht das Triumvirat aus Trockner, Wasch- und Spülmaschine”, klugscheißerte ich. Die Sicherung ließ sich aber nicht mehr hineindrücken. Sie sprang immer wieder ‘raus. Dabei hatten wir den Stromverbrauch unseres Hauses schon so weit heruntergefahren, dass unser Energieversorger RWE ernsthaft überlegt hatte, seinen Atommeiler Biblis frühzeitig vom Netz zu nehmen – und nicht erst 2009, wie im Atomkonsens vorgesehen.

Unser Elektriker gab uns einen wichtige Tipp: “Schalten sie nicht nur alle Elektrogeräte aus, sondern ziehen sie auch noch die Stecker.” Machten wir. Als wir den Deckel der Hebeanlage öffneten, um auch diesen Stecker zu ziehen, plätscherte uns schon kristallklares Wasser entgegen. Wieso kristallklar? Die Hebeanlage funktionierte, wurde, wie im Kapitel 13 meines Blogs beschrieben, gerade repariert. Diesmal suchte uns das Grundwasser heim.

Irgendetwas war schief gelaufen. Was auch sonst. Es war ja schon fast zu perfekt. Verdammt. Dabei stand ich kurz davor, meine blutdrucksenkenden Medikamente abzusetzen. Meine Haare wuchsen wieder. Wir hatten das Skorbut unserer Kinder im Griff, und meine Frau wurde nur noch zwei Mal in der Nacht von Heulkrämpfen geschüttelt. Und jetzt erneut das Wasser.

Die Hebeanlage ist so bescheuert eingebaut, dass mit keinem herkömmlichen Eimer das Wasser aus dem Loch geschüppt werden kann. Nur der rosafarbene 0,2 Liter Plastikbecher meiner Tochter hat die passende Form. Ich muss Ihnen, liebe lesenden Leidgenossen, bei gefühlten drei Milliarden Litern Wasser ja wohl nicht erläutern, wie lange ich auf den Knien vor der Hebeanlage saß und Wasser schüppte. Meine Frau natürlich auch. Eine Wasserpumpe konnte wegen des engen Spielraums nicht eingesetzt werden.

Wenn mir noch einmal jemand erzählt, Aschenputtel hätte es mit ihrer Linsensortiererei schwer gehabt, bekommt er von mir Grimms gesammelte Werke um die Ohren gehauen.

Anruf bei unseren Bauexperten. “Alles halb so wild”, sagte mir eine neue Stimme. Unser erster Bauleiter war wieder zurück in den Osten gegangen. So weit war es schon gekommen – wir trieben sie zurück … Schwamm drüber.

Der Neue machte uns wie der Alte Mut. “Das wird schon wieder… Sie sollten einmal auf eine unserer anderen Baustellen kommen. Nach so einem Jahrhundertregen steht zum Beispiel im Fahrstuhlschacht unseres Büro-Rohbaus meterhoch das Wasser.” Das reichte. Unsere zumindest tapezierte Wohnung verglich der Bau-Parvenü mit einem Rohbau. “Tschuldigung, wir leben hier schon”, sagte ich zu ihm, und fühlte auf meiner Kopfhaut, wie sich die jungen Haarwurzeln schlagartig zurückzogen.

“So einen Regenschauer erleben wir ja nicht alle Tage. Warum sind Sie mit ihrem Schlafzimmer auch in den Keller gezogen?” Mir fielen bei diesen Sätzen die Haare jetzt in Büscheln aus. “Warum ich im Keller penne …? Warum ich im Keller penne …? Weil SIE es mir geraten haben! Und wenn Sie meinen, so einen Regenschauer gibt es nicht alle Tage, dürfen Sie gerne einmal mit Al Gore telefonieren. Der betet mir jeden Tag vor, dass irgendwann ein verdammter Tsunami mein Haus überflutet. Und da glauben Sie ernsthaft, dass es so einen Regenschauer nur alle Jubel Jahre gibt?” Ich hatte mich in Rage geredet. Aber es half nichts.

Der Umweltignorant war überzeugt, dass die Erderwärmung ausgerechnet unser Haus zukünftig zur Wüstenoase macht.

Der Rage folgte wieder einmal die Ignoranz. Ich winkte ab und verabschiedete unseren Neuen. Ich würde ihn bald wiedersehen. Viel zu früh. Aber er sollte mir noch helfen, dem Gestank nachzugehen.

Dazu aber mehr in Teil 15.

Scheiße braucht 100, Teil 13

Der kleine Kasten, ist die Hebeanlage.

Wenn das Badezimmer tiefer liegt als die Kanalisation, muss das Schmutzwasser erst einmal auf Kanalhöhe gepumpt werden. Ich finde das Wort Schmutzwasser schöner als Fäkalienwasser oder Scheißwasser, auch wenn diese Wörter besser die Aufgabe der Pumpe beschreiben, die wir in unser Badezimmer einbauen ließen. Oder besser: einbauen lassen mussten.

Denn als wir unseren Umbau geplant hatten, hatte uns niemand gesagt, dass wir nicht auf die herkömmliche Art und Weise das Schmutzwasser loswerden und dass wir unsere Natur-Endprodukte auf unnatürliche

Art und Weise und nur unter Zuhilfenahme mechanischer Mittel aus dem Haus herausbekommen.

Es versteht sich wohl von selbst, dass die Kosten für die Hebeanlage nicht im Budget waren. “Ja, diesmal wird’s ein bisschen teurer, aber die Kosten sind echt nicht die Welt, das sparen wir beim Garten ein”, hörten wir vom Bauleiter. Schon verdächtig, wenn diesmal nicht der “Nur-ein-paar-Euros-mehr”-Satz fiel. Das beunruhigte uns.

Der erste Sanitärexperte lehnte den Auftrag ab. “Sind sie verrückt?”, brüllte uns der ortsnah agierende Klempner regelrecht an. “Wer hat sie denn zu so einem Blödsinn überredet? Hier unten ein Badezimmer…” Während er mich anschrie, zeigte er immer wieder in das Badezimmer und die schon vorinstallierte Toilette.

Oh mein Gott. Im Geiste ging ich schon mögliche Ersatz-Einsatzmöglichkeiten für den Raum durch. Mir fiel nur keine Verwendung ein. Zumindest keine, wo eine Toilettenschüssel noch benötigt würde.

Da der Raum direkt neben dem Schlafzimmer lag, wäre wohl ein begehbarer Kleiderschrank die naheliegende Wahl gewesen. In der stillgelegten Keramik hätte meine Frau dann ja ihr Geschmeide lagern können. Irgendwie ekelig, aber so richtig schocken konnte uns die Vorstellung auch nicht mehr.

Als abgedrehtes Künstlerehepaar, das sich quasi wie ein Stilleben ein Hänge-WC in einen Raum hängt, gehen meine Frau und ich nicht durch. Mal unter uns … Wir glauben ja schon, dass wir die hohe Kunst in unserem Wohnzimmer aufgehängt haben, weil das Ikea-Bild mehr als 40 Euro gekostet hat. Aber ich schweife ab.

Es gab noch ein weiteres Problem: Wir hatten in unserem neuen Badezimmer eine ebenerdige Dusche geplant. Wollte ich schon immer haben. Diese Dusche war übrigens das einzige Überbleibsel unserer Ursprungspläne für den Umbau. Deshalb hielt ich daran fest wie ein Lufthansa-Pilot an der Rente mit 50.

“Okay, wir stemmen noch einmal ein kleines Loch in den Boden, versteckt in der Ecke hier, versiegeln das alles wieder, bauen da die Fäkalienhebeanlage ein und fertig ist das”, sagte der Bauleiter. Er sprach so selbstbewusst, als hätte er ein Patent auf nachträglich einzubauende Fäkalienhebeanlagen.

Der ganze Dreck wird in so einer Anlage geschreddert, dann mit Tempo durch ein Rohrsystem gejagt und in die Kanalisation katapultiert. So ein Teil ist laut. Nun leben wir direkt neben einer Autobahn und einem Flughafen. Wir können aber das Fenster schließen. Eine Kacke-Rohrpost (sorry!) direkt durchs Schlafzimmer – das war eine neue Dimension der Lärmfolter.

Nach einem ersten Testlauf der Anlage bemängelten wir deren Krach. “Ganz ruhig”, sagte man uns. “Da kommt eine kleine Wand drum. Fliesen drauf, Dämmung drunter, da hörste nichts. So leise habt ihr noch nie geschießen.” Wie bitte?? Dass plötzlich die Baumannschaft so mit uns sprach, zeigte uns, dass wir längst jeden Respekt und jede Achtung verspielt hatten.

Aber: Die Anlage funktionierte und sie war leise. War ja irgendwie lögisch, schließlich war die Hebeanlage eingemauert. Ich genoss meine erste Dusche im Keller. Einen Monat lief alles reibungslos.

Blick in das Schlafzimmer. Der geflieste Vorbau beinhaltet ausschließlich die Kanalrohre vom Badezimmer.

Blick in das Schlafzimmer. Der geflieste Vorbau neben der Treppe beinhaltet ausschließlich die Kanalrohre vom Badezimmer (noch ohne Tür).

Dann lief gar nichts mehr. Aus dem Fäkalien-Hebeanlage-Turm piepste es, sehr sehr leise zwar, aber es piepste. Ein Dauerpiepton. Wir griffen zum Telefon. “Gucken Sie doch einmal kurz nach”, wies uns der Bauleiter an. “Einmal den Stecker der Anlage ziehen und wieder rein, dann läuft das vermutlich wieder.”

“Äh, sehr gerne, aber unser Notdurft-Quirl ist eingemauert wie Rapunzel”, gab ich zu bedenken. Eingemauert war auch der Stecker … ach einfach alles.

“Macht nicht’s, vorsichtig die Silikonversiegelung mit ‘nem Teppichmesser aufschneiden, Deckel runter, nachschauen, anschließend wieder drauf, neu versiegeln, fertig.”

Immer, wenn wir kurze Befehle bekamen, wie man sie nur vom Exerzierplatz kennt, ging es leider nicht so zack-zack, wie es unser Stubenältester gerne hätte.

Bis zum Silikonaufschneiden hielt ich mich ans Drehbuch. Dann brachen beim Versuch, den Deckel herunterzunehmen, drei von sechs Fliesen auf der Abdeckung durch. Der Deckel war ein Rigipsstück, das brach dann auch noch durch. Dafür piepste die Anlage konstant weiter. Jetzt natürlich richtig laut, wie hatten auch den Deckel geöffnet. Nur wenn der Stecker gezogen war, hatten wir Ruhe.

Der Klempner kam, regte sich darüber auf, dass wir keinen Wartungsvertrag für die Anlage abgeschlossen hatten (“Das weiß man aber doch”). Als wir ihn darauf hinwiesen, dass wir, wenn wir gewusst hätten, dass so eine Anlage regelmäßig gewartet werden muss, sie doch sicherlich nicht hätten einmauern lassen, nuschelte er etwas von “die paar Euro, für einen neuen Deckel” und “… Amateure”.

Ich traute meinen Ohren nicht. Meine Frau erzählte mir später, dass der Schrei, der in diesem Moment meine Kehle verließ, nahe dran war, an der letzten Szene des Films “Braveheart”. Mel Gibson liegt auf diesem Folterbalken und wird gerade bestialisch hingerichtet. Mit dem letzten Atemzug brüllt er das Wort “Freiheit”. Ich schrie lauthalt S C H E I S S E, und fühlte mich danach ebenso gefoltert wie der schottischen Freiheitskämpfer William Wallace.

Die Anlage benötigte übrigens einen neuen Motor (300 Euro). Zugemauert wurde gar nichts mehr. Ein kleiner Holzdeckel liegt seitdem auf dem Minischacht im Bad. Laut ist die Anlage jetzt, aber, hey, scheißegal …

Bevor ich’s vergesse … das ist noch nicht das Ende.

Scheiße braucht 100, Teil 12

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Der Fließenleger. Dieser Mann verdient eine eigene Fernsehserie. Selten habe ich einen so engagierten und… na sagen wir mal eigenwilligen Menschen erlebt. Wir beide kamen prächtig miteinander aus, auch meine Frau und er und die Kinder und er verstanden sich prächtig. Sonst, und das meine ich ausnahmslos, verstand er sich mit niemanden.

Wie ein Terrier biss er jeden Menschen weg, der ihm und seiner Arbeit zu nahe kam. Er legte sich sogar mit unserem Postboten an, weil der es wagte, zu der Zeit einen Brief zuzustellen, als Mister T (den Spitznamen erkläre ich später) vor unserer Haustür, und damit in greifweite zum Briefkasten, eine Zigarette rauchte. “Was? Was guckst Du? Was bist du denn für einer?” raunzte er den Postboten an. Dabei sprach er jedes Mal die kurzen Sätzen in Formel-1-Geschwindigkeit. Er sprach die Wörter immer kürzer aus, als sie es verdient hätten. Und das ist schon eine Kunst bei ein- beziehungsweise zweisilbigen Wörtern, wie “Was”, “Häh?” und “Höma”. Er redete, wie Herbert Grönemeyer sang.

Kurz zum Kosenamen Mister T. Unser Fliesenleger rastete immer wie ein Tasmanischer Teufel aus, wenn man ihn Fliesenleger nannte. “Ich bin Terrazzoleger”, erklärte er auch uns direkt bei Arbeitsantritt. Wir respektierten das, obwohl uns nicht wirklich der Unterschied klar wurde. “Fliesenlegen kann jeder”, sagte er immer, „aber Terrazzo …“. Andere interessierte nicht, ob er nun Fliesen- oder Terrazzoleger war – zumal er bei uns ausschließlich Fliesen verlegte. Kurzum: Das T stand für Terrazzoleger … und für Tasmanischer Teufel.

Erst einmal hörte ich mir in einer Art Endlosschleife an, welche Paläste Mister T schon gebaut hatte, als er noch konnte und nicht Rücken hatte. Gigantische Treppenhäuser legte er mit Marmor aus. Er betonte dabei so oft, dass er nach Stufen bezahlt wurde, dass ich schon ein schlechtes Gewissen hatte, dass wir nur drei Stufen gefliest haben mussten. Ich wusste aber, was er wollte: schnelle Bezahlung. Und da er schnell arbeitete, bekam er auch immer schnell von uns sein Geld – und Tabak – und Bier.

Ab 12 Uhr wurde die Nahrung flüssig – ausschließlich. Drei Bier, ein Kaffee, drei Bier, ein Kaffee, nur noch Bier. Ich habe einen Tag versucht, diesen Rhythmus mitzuhalten und habe heute noch einen Kater davon.

Der Mann war schnell. Etwas zu schnell für unseren Bauleiter. “Hier stimmt die Fuge nicht”, schallte es irgendwann aus dem Keller, also aus unserem designierten Schlafzimmer, als Mister T vor der Tür gerade einen Kaffee trank – und drei Bier. Wie beim Tasmanischen Teufel verfärbten sich bei unserem Mister T die Ohren. Er stand kurz vor der Explosion. Ich hörte aus dem Keller, wie meine Frau versuchte, unserem Bauleiter den Mund zuzuhalten. Doch der schüttelte sich frei und erklärte mit folgendem Satz unserem Mister T den Krieg: “Hol’ doch mal einer diesen Fliesenheini hier herun …”. Das …ter sprach er nicht mehr aus. Mister T war schon da.

“Was …, was hast du gesagt?”, baute sich T vor dem Bauleiter aus Thüringen auf. Thüringen ist deshalb wichtig, weil er fortan von Mister T nur noch verächtlich “Bauleiter mit Schnee auf dem Rücken” genannt wurde. Schnee auf dem Rücken deshalb, weil für unseren T alles was östlich von Göttingen lag, zur Tundra-Region zählte.

Unser Bauleiter war dem Irrglauben erlegen, er könnte mit einer gepflegten Konversation Mister T beruhigen. Auweia.

“Wer schreit hat nie Recht”, maßregelte B (B=Bauleiter) Mister T.

“Was…, was willst Du? Ich habe mehr Tonnen Terrazzo durch die Gegend getragen, als Du je in Italien findet wirst.” Die Worte prasselten wie aus einem Maschinengewehr aus ihm heraus.

“Muss denn das ganze Bier sein?”, fragte B nach. Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen. Der arme B stand jetzt wie ein Knochen vor einem Rottweiler. Gerade war er dabei, sich auch noch eine Blutwurst um den Hals zu hängen.

“Höma zu. Ich habe früher donnerstagabends meinen Lohn bekommen und freitagmorgens um einen Vorschuss bitten müssen. Während ich in Villa Riba noch saufe, kotzt du dir in Villa Bachon schon den Schnee vom Rücken.” Ich hielt meinen Kindern die Ohren zu und ging im Geiste mögliches Werkzeug im Keller durch, dass ich gleich aus diversen Körperteilen von B herausziehen musste.

Meine Frau rief Mister T nach oben. “Ich fahre Tabak kaufen, welchen brauchst du?”, ersparte sie B einen bevorstehenden Zweikampf, den er gnadenlos verloren hätte. Mister T. kam die Treppe hoch und musste erst einmal ausatmen. “Mann, das geht ja gar nicht. Ich brauche ’ne Apotheke”, sagte er mit Schnappatmung. “Ich muss sowieso in die Stadt, was brauchst Du denn?”, fragte meine Frau, “was gegen Kopfschmerzen?”. Mister T schüttelte den Kopf. “Ich brauch’ was für Kopfschmerzen”, sagte Mister T und ergänzte: “Ich meine auch APOTHEKE”. Er betonte Apotheke. Meine Frau verstand noch immer nicht. Ich klärte sie auf. “Die Apotheke, die Mister T meint, würdest du Bude oder Kiosk nennen …”

Wir brachten ihm aus der Apotheke sechs Bier, ein Päckchen Tabak und Blättchen mit. Fortan koordinierten wir die Gewerke so, das T und B nicht mehr aufeinander trafen. Uns reicht schon, dass wir keine Post mehr bekommen.

Mister Ts Dienste nahmen wir noch des Öfteren in Anspruch. Er sucht übrigens derzeit einen neuen Job. In einem Inkassobüro könnte ich ihn mir gut vorstellen oder in einer Apotheke …

Klingt nach einem versöhnlichen Ende. Weit gefehlt.

Scheiße braucht 100, Teil 11

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Ich habe großen Respekt vor Strom. Wenn’s um Strom geht, mache ich nichts selber. Ich lasse sogar meine Frau jedweden Stecker in die Steckdose stecken. So viel Egoismus gönne ich mir. Autobremsen würde ich auch nie selber wechseln, aber das gehört nicht hierhin.

Zurück zum Strom. Es ging um diverse Steckdosen und Lichtschalter im neuen Schlafzimmer, um einen Fernsehanschluss und … nee, das war es eigentlich.

Die Elektrofirma rückte mit vier Leuten an. Ich hatte zu Beginn Tränen in den Augen. Vier Menschen, die Fantastischen Vier. So viele Menschen auf einen Haufen, von einem Gewerk, Mann oh Mann, das hatte ich auf meiner Baustelle noch nie gesehen. Und alle in so schmucken Latzhosen, mit vielen Taschen, in denen viele Dinge Platz hatten. Und alle trugen so glänzende Metallkoffer. Da konnte unmöglich das Werkzeug drin sein. Und wenn ja, musste es aus purem Gold sein. Ich gab den Männern nicht die Hand, nein, ich drückte sie an meine Brust. Ich wusste sofort, diese Männer sind Gentlemen. Sie sind Dienstleister, Handwerker aus Überzeugung. Wenigstens der Strom würde fließen, in diesem zur Höhle gewordenen Haus.

Der Chef, ein ältere Mann, baute sich vor mir auf, nachdem er meinen Klammergriff von seinem Sohn, dem Kronprinzen, wie ich ihn nannte, gelöst hatte. “Geben Sie uns kurz einen Überblick”, befahl der Chef in einem etwas militärischem Ton. Ich merkte, dass ihm dieses Zack-Zack ganz gut gefiel und antwortete “Ja, Sir, Captain Sir.” Er nickte mir sogar anerkennend zu.

Also einen Überblick wollte er haben. Ich holte die Baupläne heraus. Er schüttelte den Kopf. “Ts, ts, ts, keine Pläne, Jung, sondern einen Überblick über das Energiesystem des Hauses.” Das bitte was…? Ein Blick ins explodierte Wohnzimmer hätte genügt, um zu wissen, dass alles was man mit dem Wort System verbinden konnte, garantiert nicht bei meiner Postadresse zu finden war.

“Wo habt ihr denn den Hauptschalter?”, fragte er. “Oh, da gibt es eine Menge, in jedem Zimmer sogar.” Ich ging in die Küche und drückte demonstrativ acht Mal auf den Lichtschalter. Mit dem noch freien Zeigefinger zeigte ich aufs Licht, das munter an- oder ausging.

Er meinte wohl einen anderen Schalter. “Der Sicherungskasten…?” fragte er weiter. Wir hatten zwei. “Einer hängt hier und ein andere im Keller”, sagte ich. Das fand er schon merkwürdig. “Was geht wo hin?” Jetzt wurde es mir zu bunt. “Was ist das hier? Wie werde ich Elektriker, oder was? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, was wozu gehört. Wenn irgendwo die Sicherung rausknallt, schaue ich in beide Sicherungskästen. Ich drücke dann immer das Teil wieder rein, was weiter hervorsteht, als die anderen”, erklärte ich ihm mein Verständnis von Strom.

Der Chef machte jetzt wirklich einen auf Chef. “Okay, wir brauchen einen Aufputz Verteilerkasten mit 20 ABB Leistungsschutzschaltern zu je 16 Ampere, sowie einen ABB FI Fehlerschutzschalter für 220 und 380 Volt.” Oha, jetzt hatte mich Meister Lampe aber schwer beeindruckt. “Und übersetzt heißt das was?”, fragte ich nach. “Das habe ich schon für sie übersetzt.” Na dann …

Er wurde dann aber doch deutlicher. “Das stand in keiner Ausschreibung, sind aber nur Pfennigartikel.” Ja, lass stecken, dachte ich.

Aus den Fantastischen Vier waren nach diesem Auftritt nur noch Fanta 4 geworden, aber bislang machte diese Truppe noch den besten Eindruck aller in unserer Ruine anwesenden Handwerker.

Am Tag 2 kam nur noch ein Handwerker und damit die Ernüchterung. Ausgerechnet der Mann, der am Tag 1 keinen Auftritt mit Text hatte und auch noch den zerbeultesten Metallkoffer trug, war uns zugeteilt. Es hat mich nicht einmal gewundert. “Und ihre Kollegen …?”, fragte ich vorsichtig nach, als ich Mister Sprachlos die Haustür öffnete. “Andere Baustelle.” Ja, war klar.

Der Mann arbeitete zumindest zügig – was man eben so alleine schaffen konnte. Ich erwischte ihn auch nur einmal dabei, wie er aus in einer Rigipswand eine Ecke herausbrach und das herausgebrochene Stück vorsichtig wieder auf die Bruchstelle legte. Das war aber auch schon alles und bei diesem Umbau nun wirklich nicht der Rede wert.

Es kam dann irgendwann dieser FI-Schlag-mich-tot-Sicherungskasten und sein Hinweis, dass es nun für kurze Zeit keinen Strom mehr gibt. Alles schien in bester Ordnung. Bis meine Eltern, die in der Wohnung über uns wohnen, plötzlich Verlustmeldungen durchs Treppenhaus riefen. “Larsi Schatz, unser Receiver qualmt!”, rief meine Mutter erstaunlicherweise in einem Ton, in dem sie mich früher auch zum Essen rief. Als sei es das Natürlichste, dass ein Elektrogerät qualmt. “Larsi Schatz, unser Fernseher im Schlafzimmer qualmt auch.” “Larsi Schatz, versuch uns doch einmal anzurufen, unser Telefon funktioniert nicht mehr.” Alles kam in diesem Singsang-Ton bei mir an. Als ich irgendwann nach oben ging, trugen meine Eltern wie einst die Trümmerfrauen Steine diesmal defekte und stinkende Elektrogeräte über den Flur in Richtung Balkon. “Was ist denn hier los?”, fragte ich. “Ja, habe ich Dir doch zugerufen, hier qualmt plötzlich alles.” Draußen auf dem Balkon meiner Eltern sah es aus, wie samstags auf dem Wertstoffhof.

Ich rief den Elektriker an. Diesmal kamen wieder Vier und der Sprachlose durfte nichts sagen. Ich hörte nur Fragmente ihres Streits. “Was haste denn da gemacht!”. “Du kannst doch nicht eine Wohnung unter 380 Volt setzen!” “Ich kann Dir sagen, wie Du das gemacht hast, Du hast eine Phase zuviel angeschlossen!”

Ich regte mich nicht einmal auf. Mister 1000 Volt konnte mich gar nicht mehr schocken. Ich war bereits in der Hölle. Und jetzt eben in einer brennenden Hölle… brennende Hölle.

Man versicherte uns, den Schaden zu übernehmen, alles neu zu besorgen, blablabla. Wie oft hatte ich das schon gehört.

Man sah zu, jetzt besonders schnell bei uns fertig zu werden. Die Elektriker schafften es in ihrem neuen Arbeitstempo, den Lichtschalter in unserem Schlafzimmer direkt neben und auf der Höhe der Nachttisch-Steckdose anzubringen. Da vor dieser Steckdose bekanntlich der Nachttisch steht, kann ich mit diesem Lichtschalter rein gar nichts anfangen. Wenn wir die elektrischen Rollläden herunterlassen wollen, müssen wir den Knopf mit dem Pfeil nach oben drücken und und und. Der Antennenanschluss in unserem Schlafzimmer trägt zwar das Antennenzeichen, die Antenne scheint daran aber nicht angeschlossen zu sein. Aber egal. Es sieht irgendwie fertig aus. Was will man mehr.

Ach ja, ersetzt werden konnte nicht alles. Bei einer Sache hatten wir einen kleinen juristischen Streit. Die Telefonanlage meiner Eltern gab es nur zum Wiederbeschaffungswert. Problem: Die Anlage gibt es nicht mehr, also musste eine Neue her. Die soll nun aber nicht mehr ersetzt werden, weil zu teuer. Peanuts, wenn Ihr bedenkt, was hier schon alles schief gelaufen ist.

Ich weiß, ich muss es gar nicht mehr erwähnen, aber alles ist exakt so passiert. Und leider bin ich mit meiner Scheiße-braucht-100-Soap noch nicht fertig. Im nächsten Teil kommt der Fliesenleger – auch ein Original.